Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Antworten
Benutzeravatar

Topic author
BRAIN
Beiträge: 4227
Registriert: Mo 3. Apr 2023, 00:53
Has thanked: 4977 times
Been thanked: 4662 times

Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Beitrag von BRAIN »

Manche Bands spielen auf Nummer sicher.
Andere gehen ein Risiko ein – Stilbruch, neue Instrumente, andere Produktion oder komplett neue Ideen.

Solche Alben spalten oft die Fans.
Für die einen ein mutiger Schritt nach vorne. Für andere ein Verrat am bisherigen Sound.

Darum geht es in diesem Thread:

Welches Album einer Band war eurer Meinung nach der mutigste Schritt ihrer Karriere?

Also das Album,
- bei dem eine Band/Interpret bewusst ihr gewohntes Terrain verlassen hat
- bei dem sie musikalisch etwas völlig Neues ausprobiert hat
- oder bei dem sie ein großes Risiko eingegangen ist.

Mögliche Fragen zur Diskussion:

• Hat sich das Risiko gelohnt?
• Wurde das Album damals missverstanden?
• Oder war es tatsächlich ein Fehler?

Wichtig:
Bitte immer kurz begründen, warum gerade dieses Album für euch ein besonders mutiger Schritt war.

Ich bin gespannt, welche Beispiele hier zusammenkommen.
Es gibt in der Rockgeschichte einige Alben, bei denen Bands wirklich alles auf eine Karte gesetzt haben.
MAKE PROG NOT WAR ! ---> ---> My 2025 Album Faves
Benutzeravatar

Topic author
BRAIN
Beiträge: 4227
Registriert: Mo 3. Apr 2023, 00:53
Has thanked: 4977 times
Been thanked: 4662 times

Re: Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Beitrag von BRAIN »

Talk Talk – Spirit of Eden (1988)

Bild

Vom eingängigen Synthpop früherer Jahre wandte sich die Band mit diesem Album radikal einer ruhigen, experimentellen und stark atmosphärischen Musik zu. Klassische Songstrukturen wurden weitgehend aufgelöst, stattdessen dominieren Klangflächen, Improvisation und Stimmung.
Aus kommerzieller Sicht war das ein enormes Risiko – fast schon ein bewusst in Kauf genommener Bruch mit dem bisherigen Erfolg.
Künstlerisch erwies sich dieser Schritt jedoch als äußerst einflussreich und prägend für viele spätere Musiker und Genres.
MAKE PROG NOT WAR ! ---> ---> My 2025 Album Faves
Benutzeravatar

Beatnik
Beiträge: 11159
Registriert: So 9. Apr 2023, 18:11
Has thanked: 11603 times
Been thanked: 14213 times
Kontaktdaten:

Re: Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Beitrag von Beatnik »

Eine 60er Legende in den 80er Jahren mit einem mutigen und zeitgemässen, aber damals ziemlich kontrovers diskutierten Album:

Vanilla Fudge • Mystery (1984)

Bild

Die von Beginn weg als 'Supergroup' bezeichneten Vanilla Fudge veröffentlichten zwischen 1967 und 1970 einige hochkarätige Alben, die vor allem durch ihren relativ hohen Anteil an gecoverten Songs auffiel. Das Besondere an der Band war, dass sie bekannte Pop- oder Soulnummern sehr eigentümlich und bisweilen auch recht exzentrisch umarrangierte, sodass vermeintlich hörfreundliche Pop-Originale letztlich zu äusserst psychedelischen und oftmals - durch ihre ausgedehnten Songlängen - auch sehr exzentrischen Rock-Statements mutierten. Da ihre unbedingte Versiertheit an den Instrumenten unbestritten hochklassig war, verlieh man der Gruppe stets über Gebühr hohe Vorschusslorbeeren, derer sie letztlich jedoch nicht gerecht werden konnte. Ihre Art des pschedelischen Rocks, der durchaus auch erste typische Merkmale des späteren Progressive Rock aufwies, verlor innert weniger Jahre an Faszination, auch, weil sich die gesamte Musikszene zur damaligen Zeit in einem schwindelerregenden kreativen Umbruch befand. Am Ende stand ein Live-Album mit dem Titel "Near The Beginning", das nur noch drei aussergewöhnliche Studio-Kreationen präsentierte, mit dem extraordinären "Break Song" jedoch ein über 20 Minuten langes Live-Selbstbildnis zeigte, das noch einmal das ausserordentliche Können der vier Musiker eindrücklich unter Beweis stellte. Der "Break Song" war dann letztlich so etwas wie der Schwanengesang von Vanilla Fudge.

Vor allem Mark Steins Keyboardspiel beeinflusste mehrere Gruppen, deren Popularität länger anhielt als jene von Vanilla Fudge selbst: Deep Purple, The Nice, Emerson Lake & Palmer, Uriah Heep oder Atomic Rooster. In einem Video-Interview gab Jon Lord zu, dass Deep Purple für ihre Debüt-LP "Shades Of Deep Purple" das Konzept von Vanilla Fudge genau kopierten: Die wuchtige Orgel und kaum mehr wiederzuerkennende Fremdkompositionen, so auch zwei Songs von den Beatles. Vanilla Fudge lösten sich 1970 erstmals auf. Tim Bogert und Carmine Appice hatten mit dem Gitarristen Jeff Beck eine Zusammenarbeit vereinbart, die aber nicht eingehalten werden konnte, da Jeff Beck aufgrund eines Autounfalls verhindert war. Die bereits abgeschlossenen Verträge wurden durch die Band Cactus erfüllt. Danach folgten mehrere Wiedervereinigungen, die aber jeweils nur von kurzer Dauer waren. Unter anderem entstand dabei das Studioalbum "Mystery" im Jahre 1984.

Das zeittypische und kraftvoll produzierte Werk erhielt indes nur wenig Promotion. Die Musiker holten sich für das Album prominente Gastmusiker ins Studio, so unter anderem den Gitarristen Jeff Beck, der eine fabelhafte Arbeit ablieferte. Ungewöhnlich war, dass sich die Band dazu entschloss, für dieses Reunion-Album lediglich zwei Coversongs auszuwählen. Sie präsentierten dafür nicht weniger als acht selbstkomponierte Songs, was wesentlich mehr war, als die Band je zuvor auf einem Vanilla Fudge-Album präsentiert hatte. Von diesen eigenen Songs gerieten einige zu wahren Rockperlen und man kann sich schon fragen, weshalb eine grosse Plattenfirma wie Atco Records, die ja immerhin dem Atlantic-Konzern angehörte, nicht wesentlich engagierter Werbung für dieses hervorragende Werk gemacht hat. Auffallend war nämlich auch, dass die Musiker sich nicht etwa in einer Art Rock-Nostalgie ergaben: Ihre neuen Songs wirkten modern und waren zeitgemäss arrangiert. Die Arrangements erinnerten ein wenig an die Arbeiten von Trevor Horn, der fast zeitgleich massgeblich für den Sound des Albums "90125" von Yes verantwortlich zeichnete.

Mit dem Opener "Golden Age Dreams" rockten Vanilla Fudge sehr bodenständig und ohne jegliche psychedelischen Elemente, welche den Sound der Band früher einmal ausgezeichnet hatte. Hier spielte eine Gruppe im hier und jetzt und zeigte, dass sie noch immer kompositorisch auf der Höhe der Zeit war. Auch das nachfolgende "Jealousy" war ein beherzter Rocksong mit guten Hooklines und vortrefflichen Gesangsarrangements. Etwas nahe am Original geriet die Komposition "Walk On By" von Burt Bacharach, doch klang auch sie nach einer fetten Rockballade, die vielleicht etwas zu stark mit Bombast-Elementen versehen wurde, für die 80er Jahre jedoch absolut okay war. Mit dem Abstand von über vier Jahrzehnten angehört, klingt die ganze LP heute noch immer wesentlich interessanter als so manch andere typische 80er Jahre Rockproduktion, die zumeist mit digitalem Schlagwerk und viel zu überkandidelten Synthetiksounds zugekleistert worden waren. Auch Vanilla Fudge folgten auf "Mystery" dem Trend zu digitalem Keyboardsound, der sich jedoch nicht störend in den Vordergund drängte, sondern einfach wesentlich flächiger zum Einsatz gebracht wurde als das noch in den 60er und 70er Jahren gang und gäbe war. Es waren letztlich immer wieder die Gitarrensounds, welche dem Album den hohen Rockanteil sicherten - die Keyboards wurden vor allem als opulente Fläche in den Gesamtsound integriert.

Warum sich das sauber produzierte und eindrücklich in Szene gesetzte Album nicht zum veritablen Hit entwickelte, bleibt bis heute ein "Mystery". Die Platte wurde von Spencer Proffer produziert, ein Jahr bevor dieser Quiet Riot's hervorragendes Debutalbum "Metal Health" produzierte. "Mystery" überzeugte durch einen grossen Rock-Punch, war aber auch angenehm soft, melodisch und emotional abgemischt, insbesondere, wenn die Band balladesker zu Werke ging, wie etwa im Titelstück oder beim Song "It Gets Stronger", bei welchem die Gruppe sogar eine dezente Reggae-Rhythmik einzubauen verstand. "Under Suspicion" wiederum war ein weiterer kerniger Rocksong, der durch das powervolle Arrangement begeisterte. Wer sich im Jahre 1984 bereits vom alten Psychedelikrock-Sound von Vanilla Fudge lösen und die Platte "Mystery" im zeitgemässen Kontext sehen konnte, der musste das Album unweigerlich zu einem grossen Rock-Highlight zählen. Nichts anderers war "Mystery" nämlich. Die mageren Verkaufszahlen und die mangelnde Bekanntheit widerspiegeln keineswegs eine irgendwie fehlende Qualität, weder beim Songmaterial, noch bei der Performance der beteiligten Musiker. Es gibt nicht wenige Rockfans, die "Mystery" für eines der besten Alben von Vanilla Fudge halten, auch, weil es etwas völlig Anderes war, als man von dieser Band zu so einem späten Zeitpunkt, in welchem sich die Rockwelt grundlegend verändert hatte, noch hätte erwarten mögen. Dazu zähle ich mich auch.





Benutzeravatar

Hawklord
Beiträge: 2424
Registriert: Do 4. Apr 2024, 10:10
Wohnort: Grösste Stadt Mittelfrankens
Has thanked: 7273 times
Been thanked: 3151 times

Re: Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Beitrag von Hawklord »

Manfred Mann's Earth Band - Masque (1987)

Die Earth Band überraschte nach "Somewhere In Africa" (1982) und "Criminal Tango" (1986) mit sehr poppigen Klängen. Speziell bei "Geronimo's Cadillac" könnte man im ersten Moment meinen, Boney M. zu hören.

Bild





Benutzeravatar

Lavender
Beiträge: 9023
Registriert: Fr 21. Apr 2023, 11:32
Has thanked: 11766 times
Been thanked: 13210 times

Re: Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Beitrag von Lavender »

BRAIN hat geschrieben: Mi 4. Mär 2026, 23:37 Talk Talk – Spirit of Eden (1988)

Bild

Vom eingängigen Synthpop früherer Jahre wandte sich die Band mit diesem Album radikal einer ruhigen, experimentellen und stark atmosphärischen Musik zu. Klassische Songstrukturen wurden weitgehend aufgelöst, stattdessen dominieren Klangflächen, Improvisation und Stimmung.
Aus kommerzieller Sicht war das ein enormes Risiko – fast schon ein bewusst in Kauf genommener Bruch mit dem bisherigen Erfolg.
Künstlerisch erwies sich dieser Schritt jedoch als äußerst einflussreich und prägend für viele spätere Musiker und Genres.
Genau das Album wollte ich auch nennen.
„Musik ist eine Welt für sich, mit einer Sprache, die wir alle verstehen." Stevie Wonder
Benutzeravatar

Alexboy
Beiträge: 3527
Registriert: Sa 15. Apr 2023, 12:44
Has thanked: 6191 times
Been thanked: 5644 times

Re: Planet Mut: – Das riskanteste Album einer Band

Beitrag von Alexboy »

Für mich ( völlig anderer Kulturkreis! ) schon damals nicht nachvollziehbar war das Problem, welches Bob Dylan mit dem Benutzen von elektrischen Instrumenten ausgelöst hat.
Die damaligen Folk-Hörer bestanden ausschließlich auf akustische Instrumente, die ihm aber für seine musikalische Weiterentwicklung nicht genug waren.
Es war ein sehr großes Risiko und er verlor damals Fans, was aber seiner weiteren Kariere auf Dauer nicht im Wege stand, wie man heute weiß.
Es wurde damals deutlich, dass sich der schon bekannte Folk-Star von niemandem vor einen Karren spannen ließ!
Das finde ich sehr mutig im Musikgeschäft. :clap: :yes: :ugeek:


Bob Dylan: Bringing It All Back Home/Subterranean Homesick Blues - 1965 -



Bild




Burn down the mission:Elton John
- No prophecies - I might lose my head, or worse - Manche meinen es gut! Andere glauben sie wollen mein Bestes - Ich bin sicher ich weiß es besser.
Eine Zensur findet nicht statt
Artikel 5 GG-
Antworten

Zurück zu „Musikthemen“