Erst durch einen vertrauensvollen Tipp eines Real-Blues-Fachmanns bin ich recht spät auf dieses
fantastische Werk gestoßen, indem nicht nur eine bis ins kleinste detaillierte Biographie Earl's geboten
wird, sondern darüber hinaus auch noch die gesamte Chicago-Szene in all ihren Facetten dargestellt
wird. Das geht wirklich weit in die Tiefe, beginnend damit, daß schwarze Kultur, Mentalität, Lebens-
umstände, Wertigkeiten und sogar Tagesabläufe oder Behausung und Möblierung(!) beschrieben
werden. Dabei wird nichts beschönigt; auch negative Aspekte der schwarzen Lebensweise und deren
Einfließen in die Musik werden offengelegt.
Der Autor ist selbst Franco-Afrikaner und spielte außerdem mit einigen Bluesgrößen zusammen;
was er uns also erzählt kommt rein aus seinen Genen. Und das hilft ganz enorm um ein Verständnis
für so ziemlich das komplette und komplexe schwarze Bluesgefühl aufzubauen. Und dabei kommt etwas völlig
anderes heraus...

Es ist nunmal seit Jahrzehnten so, daß weiße Europäer auf etwas abfahren, was scharze Urheber schon
in den 60ern als 'Pseudo-Blues' bezeichneten; teils mit sehr ärgerlichen Worten, weil sie erfahren mußten,
das man ihnen etwas raubte um es in verfälschter Form zu viel Geld zu machen.
Die Kritik an weißer Korrumpierung, die Chester Burnett (aka Howlin' Wolf), der in Earl's Buch natürlich auch vorkommt,
für die Nachwelthinterlassen hat, ist nicht unbedingt druckbar, aber Danchin kommt fast ohne Beschwerdeführung aus;
der hoffentlich aufmerksame Leser kann mit etwas Konzentration und Nachdenken von selbst auf
Erkenntnisse kommen...
Wenn man nicht gerade selbst im Chicago der 50er aufgewachsen ist und sogar wenn man sich schon
intensiv mit dem Real Blues beschäftigt, läßt sich hier noch eine Menge mehr hinzulernen und begreifen...
Logisch, daß Earl's Leben und Sterben eine Menge Platz einnimmt und daß neben Cousin John Lee
auch viele große Namen/Weggefährten zu Wort kommen, die zum Zeitpunkt der ersten Recherchen
(1975; sie zogen sich dann über mehr als zwei Jahrzehnte fort) noch unter uns waren.
Es ist schon fast ein Wunder, daß dieses Werk heute noch erhältlich ist; mit ca. 35€ für 380 Seiten
mag es nicht billig sein, aber die journalistische Qualität ist wirklich erste Sahne;
eine Bewertung unter 5 Sternen habe ich nicht gefunden!