Ethnische Säuberung
Verfasst: Do 28. Aug 2025, 08:05
Vor über 30 Jahren erfanden Kriegsverbrecher den Kampfbegriff Ethnische Säuberung.
Heute taucht der Ausdruck im Zusammenhang mit Gaza wieder überall auf – mit gefährlichen Folgen. Alle wollen über Gaza sprechen, aber keiner über Genozid. Übrig bleibt ein Ausdruck – erfunden, um Mord nach Ordnung klingen zu lassen: die sogenannte Ethnische Säuberung. Politiker, Journalisten und sogar die Vereinten Nationen verwenden ihn. Woher stammt der Begriff ursprünglich eigentlich ? Vom serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milošević, der mit nur zwei Wörtern die wohl erfolgreichste Genozid-Propaganda der vergangenen Jahrzehnte erfunden hat. Für den Begriff finden sich zahlreiche Definitionen. Meistens wird er verwendet, um Zwangsvertreibung oder Vernichtung zu beschreiben. Gerade weil er so häufig von offiziellen Stellen, Hilfsorganisationen und der Politik genutzt wird, entsteht leicht der Eindruck, es handle sich um einen juristischen Terminus. Dabei gibt es weder eine rechtliche Definition, noch findet sich der Begriff in Gesetzen. Die Ethnische Säuberung ist im Völkerrecht nicht verankert. Genau genommen ist es nicht mal ein Verbrechen. Es wurde noch nie jemand deswegen angeklagt (!!).
Trotzdem steht der Begriff in grossen Medien. In einem Beitrag der Tagesschau heisst es: Rechtsexperten sprechen von Vertreibung und Ethnischer Säuberung. Die Zeitung Der Freitag titelt: Ethnische Säuberung in Gaza, politische Säuberung in Israel. Und im Spiegel fordert ein Gastautor, man solle Ethnische Säuberung endlich beim Namen nennen – ja, das schreibt er wortwörtlich so. Auch wenn der Begriff in Anführungszeichen steht, historisch eingeordnet wird er nicht. Die Daten bestätigen, was sich längst beobachten lässt. Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache wird der Begriff 2025 wieder häufiger in Zeitungsartikeln verwendet als in den Jahren zuvor. Den bisherigen Höchstwert erreichte er 1993. Ein Jahr zuvor wurde er zum Unwort des Jahres erklärt, auch weil laut Jury zahlreiche deutsche Medien diese Propagandaformel in ihrer Übersetzung ohne jede kritische Distanz weiterverwendeten. Als Ethnische Säuberung zum ersten Mal in den Medien auftauchte, stand der Ausdruck in Gänsefüsschen – damals, weil serbische Nationalisten zitiert wurden. 30 Jahre später ist der Ausdruck geblieben – das Wissen darüber, woher er stammt, nicht.
In Deutschland hält sich die Vorstellung, der bosnische Genozid beschränke sich auf Srebrenica – auf den 11. Juli 1995, an dem mehr als 8000 Menschen von lokalen serbischen Kollaborateuren ermordet wurden. Es ist der Aufklärungsarbeit weniger deutschsprachiger Medienschaffender wie Melina Borčak zu verdanken, dass dieses Narrativ überhaupt hinterfragt wird. Sie hat unter anderem darüber geschrieben, dass die serbische Nationalistin Biljana Plavšić Bosniaken – eine ethnische Gruppe mit muslimischem Hintergrund – damals als genetisch entstelltes Material bezeichnete. Ihre Genetik sollte durch systematische Zwangsschwängerung gesäubert werden. Mädchen und Frauen wurden in sogenannten Vergewaltigungslagern festgehalten, um serbische Kinder zu gebären. Die Säuberung zeigte sich in vielen Formen – durch Aushungern, Vertreibung, Mord und mehr. In Manjača zum Beispiel wurde eine ehemalige Tierfarm zur Tötung von Menschen umfunktioniert. Die Entmenschlichung fand nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Praxis statt. Auch wenn der Begriff der Ethnischen Säuberung im bosnischen Genozid seinen Ursprung hat, beschränkt er sich nicht darauf. Tatsächlich war auch im Darfur-Genozid die Rede davon, ganze Regionen zu säubern. Ähnliches ist heute in Gaza zu beobachten, wo Israels Finanzminister, Bezalel Smotrich, öffentlich erklärte: "Jetzt erobern wir, säubern und bleiben – bis die Hamas vernichtet ist".
Ethnische Säuberung impliziert rhetorisch, dass es sich bei den Opfern nicht um Menschen, sondern um Schmutz handelt. Anstatt zu benennen, dass man Menschen vergewaltigen, ermorden, vertreiben und verhungern lassen will, fassen die Täter all diese Taten unter einem anderen, positiven Wort zusammen: Säubern. Es ist ein brutaler Euphemismus – eine sprachliche Strategie, um Verbrechen zu verharmlosen. Ethnische Säuberung klingt nicht nur harmloser: Artikel 1 der Völkermordkonvention verpflichtet dazu, Genozid zu verhindern – nicht Ethnische Säuberung. Der Begriff nimmt dem Anliegen seine Dringlichkeit und rechtliche Verbindlichkeit. Das kommt vor allem den Unterzeichnerstaaten gelegen, die meist nicht annähernd genug tun, um ihrer Verpflichtung nachzukommen. Schon vor Jahren kritisiert hat den Begriff der Völkermordforscher Gregory Stanton, Gründer der Organisation Genocide Watch. Er zeigte in einer Studie 2007: Die Benennung als Genozid kann konkrete politische und militärische Reaktionen auslösen – doch oft kommt sie zu spät. In Ruanda erkannte die internationale Gemeinschaft den Genozid erst, als bereits rund 800'000 Menschen ermordet worden waren. In Bosnien wurde der Genozid von Srebrenica erst nachträglich als solcher bezeichnet – kurz darauf folgte die Nato-Intervention. Auch im Kosovo griff die internationale Gemeinschaft erst ein, nachdem US-Beamte öffentlich von Hinweisen auf Genozid sprachen. Diese Beispiele zeigen, dass die Wortwahl einen Unterschied machen kann. Doch garantiert ist das nicht. In Darfur wurde 2004 zwar offiziell von einem Genozid gesprochen, unter anderem durch US-Aussenminister Colin Powell. Er stellte jedoch zugleich klar, dass diese Feststellung keine neuen Massnahmen nach sich ziehen werde. Konkretes Handeln blieb aus – auch, weil sich die Vereinten Nationen weigerten, den Begriff zu übernehmen.
Formulierungen wie Ethnische Säuberung verzögern nicht nur die Anerkennung eines Völkermords, sie tragen aktiv zur Verharmlosung bei. Wer diesen Begriff verwendet, kaschiert, beschönigt – und trägt damit letztendlich zur Genozidleugnung bei. Wer einen Genozid begeht, begeht dabei gleichzeitig auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Taten richten sich nicht nur gegen ein bestimmtes Volk, sondern gegen das Menschsein selbst. Und genau deshalb ist es unsere gemeinsame Verantwortung, sie zu benennen, sichtbar zu machen und zu verhindern.
Quelle: Zehra Uslubas
Heute taucht der Ausdruck im Zusammenhang mit Gaza wieder überall auf – mit gefährlichen Folgen. Alle wollen über Gaza sprechen, aber keiner über Genozid. Übrig bleibt ein Ausdruck – erfunden, um Mord nach Ordnung klingen zu lassen: die sogenannte Ethnische Säuberung. Politiker, Journalisten und sogar die Vereinten Nationen verwenden ihn. Woher stammt der Begriff ursprünglich eigentlich ? Vom serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milošević, der mit nur zwei Wörtern die wohl erfolgreichste Genozid-Propaganda der vergangenen Jahrzehnte erfunden hat. Für den Begriff finden sich zahlreiche Definitionen. Meistens wird er verwendet, um Zwangsvertreibung oder Vernichtung zu beschreiben. Gerade weil er so häufig von offiziellen Stellen, Hilfsorganisationen und der Politik genutzt wird, entsteht leicht der Eindruck, es handle sich um einen juristischen Terminus. Dabei gibt es weder eine rechtliche Definition, noch findet sich der Begriff in Gesetzen. Die Ethnische Säuberung ist im Völkerrecht nicht verankert. Genau genommen ist es nicht mal ein Verbrechen. Es wurde noch nie jemand deswegen angeklagt (!!).
Trotzdem steht der Begriff in grossen Medien. In einem Beitrag der Tagesschau heisst es: Rechtsexperten sprechen von Vertreibung und Ethnischer Säuberung. Die Zeitung Der Freitag titelt: Ethnische Säuberung in Gaza, politische Säuberung in Israel. Und im Spiegel fordert ein Gastautor, man solle Ethnische Säuberung endlich beim Namen nennen – ja, das schreibt er wortwörtlich so. Auch wenn der Begriff in Anführungszeichen steht, historisch eingeordnet wird er nicht. Die Daten bestätigen, was sich längst beobachten lässt. Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache wird der Begriff 2025 wieder häufiger in Zeitungsartikeln verwendet als in den Jahren zuvor. Den bisherigen Höchstwert erreichte er 1993. Ein Jahr zuvor wurde er zum Unwort des Jahres erklärt, auch weil laut Jury zahlreiche deutsche Medien diese Propagandaformel in ihrer Übersetzung ohne jede kritische Distanz weiterverwendeten. Als Ethnische Säuberung zum ersten Mal in den Medien auftauchte, stand der Ausdruck in Gänsefüsschen – damals, weil serbische Nationalisten zitiert wurden. 30 Jahre später ist der Ausdruck geblieben – das Wissen darüber, woher er stammt, nicht.
In Deutschland hält sich die Vorstellung, der bosnische Genozid beschränke sich auf Srebrenica – auf den 11. Juli 1995, an dem mehr als 8000 Menschen von lokalen serbischen Kollaborateuren ermordet wurden. Es ist der Aufklärungsarbeit weniger deutschsprachiger Medienschaffender wie Melina Borčak zu verdanken, dass dieses Narrativ überhaupt hinterfragt wird. Sie hat unter anderem darüber geschrieben, dass die serbische Nationalistin Biljana Plavšić Bosniaken – eine ethnische Gruppe mit muslimischem Hintergrund – damals als genetisch entstelltes Material bezeichnete. Ihre Genetik sollte durch systematische Zwangsschwängerung gesäubert werden. Mädchen und Frauen wurden in sogenannten Vergewaltigungslagern festgehalten, um serbische Kinder zu gebären. Die Säuberung zeigte sich in vielen Formen – durch Aushungern, Vertreibung, Mord und mehr. In Manjača zum Beispiel wurde eine ehemalige Tierfarm zur Tötung von Menschen umfunktioniert. Die Entmenschlichung fand nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Praxis statt. Auch wenn der Begriff der Ethnischen Säuberung im bosnischen Genozid seinen Ursprung hat, beschränkt er sich nicht darauf. Tatsächlich war auch im Darfur-Genozid die Rede davon, ganze Regionen zu säubern. Ähnliches ist heute in Gaza zu beobachten, wo Israels Finanzminister, Bezalel Smotrich, öffentlich erklärte: "Jetzt erobern wir, säubern und bleiben – bis die Hamas vernichtet ist".
Ethnische Säuberung impliziert rhetorisch, dass es sich bei den Opfern nicht um Menschen, sondern um Schmutz handelt. Anstatt zu benennen, dass man Menschen vergewaltigen, ermorden, vertreiben und verhungern lassen will, fassen die Täter all diese Taten unter einem anderen, positiven Wort zusammen: Säubern. Es ist ein brutaler Euphemismus – eine sprachliche Strategie, um Verbrechen zu verharmlosen. Ethnische Säuberung klingt nicht nur harmloser: Artikel 1 der Völkermordkonvention verpflichtet dazu, Genozid zu verhindern – nicht Ethnische Säuberung. Der Begriff nimmt dem Anliegen seine Dringlichkeit und rechtliche Verbindlichkeit. Das kommt vor allem den Unterzeichnerstaaten gelegen, die meist nicht annähernd genug tun, um ihrer Verpflichtung nachzukommen. Schon vor Jahren kritisiert hat den Begriff der Völkermordforscher Gregory Stanton, Gründer der Organisation Genocide Watch. Er zeigte in einer Studie 2007: Die Benennung als Genozid kann konkrete politische und militärische Reaktionen auslösen – doch oft kommt sie zu spät. In Ruanda erkannte die internationale Gemeinschaft den Genozid erst, als bereits rund 800'000 Menschen ermordet worden waren. In Bosnien wurde der Genozid von Srebrenica erst nachträglich als solcher bezeichnet – kurz darauf folgte die Nato-Intervention. Auch im Kosovo griff die internationale Gemeinschaft erst ein, nachdem US-Beamte öffentlich von Hinweisen auf Genozid sprachen. Diese Beispiele zeigen, dass die Wortwahl einen Unterschied machen kann. Doch garantiert ist das nicht. In Darfur wurde 2004 zwar offiziell von einem Genozid gesprochen, unter anderem durch US-Aussenminister Colin Powell. Er stellte jedoch zugleich klar, dass diese Feststellung keine neuen Massnahmen nach sich ziehen werde. Konkretes Handeln blieb aus – auch, weil sich die Vereinten Nationen weigerten, den Begriff zu übernehmen.
Formulierungen wie Ethnische Säuberung verzögern nicht nur die Anerkennung eines Völkermords, sie tragen aktiv zur Verharmlosung bei. Wer diesen Begriff verwendet, kaschiert, beschönigt – und trägt damit letztendlich zur Genozidleugnung bei. Wer einen Genozid begeht, begeht dabei gleichzeitig auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Taten richten sich nicht nur gegen ein bestimmtes Volk, sondern gegen das Menschsein selbst. Und genau deshalb ist es unsere gemeinsame Verantwortung, sie zu benennen, sichtbar zu machen und zu verhindern.
Quelle: Zehra Uslubas