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[REVIEW] Blodwyn Pig - A Head Rings Out

Verfasst: Do 19. Feb 2026, 16:01
von badger
Blodwyn Pig – Ahead Rings Out (Chrysalis 1969)

Blodwyn Pig sind eine meiner 'kleinen Lieblingsgruppen', denn die Originalband existierte nur 2 Jahre und lieferte
in dieser Zeit nur zwei LPs ab.

Aber, und das kann man sich heute kaum noch vorstellen, sie schufen sich in damit einen großen Fankreis;
u.a. weil sie auf vielen Festivals gastierten und auch einen vielbeachteten Beatclub-Auftritt absolvierten.
Ihr Meisterstück mag aber gewesen sein, daß sie noch kurz vor ihrem Ableben eine Show im legendären
Fillmore West; San Francisco; einspielten (den gibt’s vielleicht noch bei Amazon, ansonsten im Netz suchen...),
die selbst den durch Grateful Dead, Jefferson Airplane und Konsorten verwöhnten West Coastlern Respekt abnötigte.

Gespielt wurde eine Mischung aus Blues, Rock und Jazz mit ausschließlich Originalmaterial. Die beiden herausragenden Solisten
waren Mick Abrahams an der Gitarre (ex-Jethro Tull) und Jack Lancaster mit diversen Saxophonen.

Bild

Los geht’s mit einer Tour-de-force; 'It's Only Love'; volle Breitseite Sax und Rhytghmusgruppe als Untermalung für Mick's
kehliger Stimme; die Gitarre setzt er nur spärlich ein; es wäre auch kein Platz, denn Jack bläst gleichzeitig Tenor- und Barriton-Sax(!).

'Dear Jill' ist dann ein Slide-Gitarren-Blues, der trotzdem mit Chicago absolut nichts am Hut hat; dafür sorgt
wieder einmal Jack mit seinen Saxophonen.

Auch Stücke wie Sing Me A Song That I Know, The Modern Alchemist und Up And Coming sind sehr vom jazzrockigen Saxophon betont
und erinnern an IF in ihrer zweiten Bbesetzung; bzw. Up And Coming hätte auf jedem Colosseum-Album gut gepaßt.

'Leave It With Me' ist dann ein flottes Jazz-stück mit einer Jethro-Tull-Flöte im Vordergrund,
einem netten kleinen Blues-Gitarrensolo und und einer jammenden Rhythmusgruppe.

'The Change Song' beginnt mit einem Lament im Cockney-Akzent; der Song ist allen Einsitzenden in der Londoner Strafanstalt
Wandsworth gewidmet und entwickelt sich dann zu einem akkustischen Blues;
man muß den Humor verstehen; die Geschichte dreht sich um einen ex-Knacki, der Karriere gemacht hat.

'See My Way' ist ein weiteres Highlight; damals ein beliebter Anreißer auf Festivals; dabei ist es gar nicht mal so tempogeladen,
sondern könnte eher einer frühen Jethro Tull-Scheibe entlehnt sein.

Im letzten Stück mischt sich noch einmal alles; ein hart jazzig/rockiges Intro mit erneut viel Sax, das dann wieder zurückgenommen
wird um schließlich erneut Druck und Dampf aufzubauen.

Auch die sechs Boni (es sind größtenteils Singles), haben es in sich; sie sind von gleicher Güte wie die Titel der Original-LP;
'Sweet Caroline', 'Summer Day' und 'Same Old Story' vermitteln viel Tempo und Druck; sind Jazz-Blues in Bestform;
dann kommt ein kleines Rock'n'Roll-Cover; 'Slow Down', noch 10 Jahre später von den Flamin' Groovies zu Tode gespielt,
bevor mit 'Meanie Mornay' eins meiner Lieblingsstück erklingt;
das unglaubliche daran, es war einstmals ein unveröffentlichtes Outtake!
Dieser flotte kleine Bluesrocker sieht Jack diesmal an der Geige, und er beweist, daß man auch auf diesem Instrument rocken kann;
Mick macht es mit ein paar scharfen Gitarrenläufen nach; die Rhythmusgruppe legt einen lässigen, aber sofort in die Beine gehenden Beat
darüber und am Besten hält man das Dach fest, damit es nicht fortgeblasen wird.

WOW!

Blodwyn Pig verkörperten das London der späten 60er jahre perfekt; 'mein' London, mit seinem typischen Cockney-Dialekt und kess-kecken
Humor; mit einer großstädtischen Nonchalance, die damals mit dazu führte, musikalische Schranken zu brechen, Neuland zu betreten und
TROTZDEM eingängige, ja tanzbare Musik zu schaffen.... in der damals 'erstaunlichsten Stadt des Universiums' (und nicht 'Lutetia',
wie allgemein behauptet wird).

Lancaster und Berg waren später eine vielgebuchte Session-Rhythmusgruppe, spielten auch bei vielen anderen Bands mit (u.a. Savoy Brown,
Chicken Shack); Abrahams legte seine nicht minder interessante Mick Abrahams Band auf und später gab es noch diverse Wiedervereinigungen
und sogar weitere Archiv-CDs. Hier stehen jetzt sechs CDs der Ur-Blodwyns.

Insgesamt eine Band, die man auch den Fans von Colosseum, If oder frühen Jethro Tull empfehlen möchte,
obwohl die nette Miss Blodwyn durch ihre Bluesbeeinflussung noch über diese vorgenannten hinausging.

01. It's Only Love 3:23
02. Dear Jill 5:19
03. Sing Me A Song That I Know 3:08
04. The Modern Alchemist 5:38
05. Up And Coming 5:31
06. Leave It With Me 3:52
07. The Change Song 3:45
08. See My Way 5:06
09. Ain't Ya Comin' Home, Babe? 6:04
--------- boni -------
10. Sweet Caroline 2:51
11. Walk On The Water 3:42
12. Summer Day 3:44
13. Same Old Story 2:36
14. Slow Down 4:20
15. Meanie Mornay 4:45
16. Backwash 0:53


Mick Abrahams – Guitar, Vocals, Slide Guitar
Jack Lancaster – Flute, Violin, Tenor/Baritone/Soprano Sax, Brass
Andy Pyle – Bass
Ron Berg – Drums

Re: [REVIEW] Blodwyn Pig - A Head Rings Out

Verfasst: Do 19. Feb 2026, 17:09
von Louder Than Hell
Es ist immer problematisch, wenn sich zwei Alphatiere innerhalb einer Band befinden, die sich über die Ausrichtung der künftigen musikalischen Gestaltung ihrer Gruppe in die Haare bekommen. So geschehen bei Jethro Tull, also hieß es Abschiednehmen und Mick Abraham gründete eine neue Band namens "Blodwyn Pig". Trotzdem sollte der musikalische Einfluss von Mick Abraham bei den Aufnahmen von "This was" keinesfalls unterschlagen werden, denn er war letztlich erheblich. Eine derartige bluesige Ausrichtung hatten Jethro Tull danach nicht mehr.

Trotzdem fiel der Gute in kein Loch und paarte mit den Herren Andy Pyle, Ron Berg und Jack Lancaster fähige und innovative Musiker um sich. Heraus kam eine Melange aus bluesigen Rock, die sich mit progigen Jazzelementen verknüpfte. Wem die erste Einspielung "Ahead Rings Out" aus dem Jahre 1969 zusagte, wird geradezu erfreut über die Entwicklung ihrer zweiten Einspielung "Getting To This" gewesen sein.

Leider war die schöne Zeit nach diesen beiden Einspielungen bereits vorbei. Trotzdem haben die Mannen um Mick Abrahams etwas erschaffen, wozu andere Bands viele Jahre und zum Teil diverse Einspielungen benötigen, nämlich etwas Eigenes zu erschaffen, etwas zu kreieren, was andere in dieser dargebotenen Form noch nicht getan haben.

Re: [REVIEW] Blodwyn Pig - A Head Rings Out

Verfasst: Do 19. Feb 2026, 17:38
von badger
Louder Than Hell hat geschrieben: Do 19. Feb 2026, 17:09 Es ist immer problematisch, wenn sich zwei Alphatiere innerhalb einer Band befinden, die sich über die Ausrichtung der künftigen musikalischen Gestaltung ihrer Gruppe in die Haare bekommen. So geschehen bei Jethro Tull, also hieß es Abschiednehmen und Mick Abraham gründete eine neue Band namens "Blodwyn Pig". Trotzdem sollte der musikalische Einfluss von Mick Abraham bei den Aufnahmen von "This was" keinesfalls unterschlagen werden, denn er war letztlich erheblich. Eine derartige bluesige Ausrichtung hatten Jethro Tull danach nicht mehr.

Trotzdem fiel der Gute in kein Loch und paarte mit den Herren Andy Pyle, Ron Berg und Jack Lancaster fähige und innovative Musiker um sich. Heraus kam eine Melange aus bluesigen Rock, die sich mit progigen Jazzelementen verknüpfte. Wem die erste Einspielung "Ahead Rings Out" aus dem Jahre 1969 zusagte, wird geradezu erfreut über die Entwicklung ihrer zweiten Einspielung "Getting To This" gewesen sein.

Leider war die schöne Zeit nach diesen beiden Einspielungen bereits vorbei. Trotzdem haben die Mannen um Mick Abrahams etwas erschaffen, wozu andere Bands viele Jahre und zum Teil diverse Einspielungen benötigen, nämlich etwas Eigenes zu erschaffen, etwas zu kreieren, was andere in dieser dargebotenen Form noch nicht getan haben.
Es ist immer problematisch, wenn sich zwei Alphatiere innerhalb einer Band befinden,

nun, das Problem entstand, weil die aus Blackpool zugezogenen Ian Anderson und Co. vom Management praktisch einen Gitarristen aufoktroiert bekamen,
den Ian wohl nicht wirklich wollte und der seinerseits mit Ian's Tussigkeiten nicht klarkam (Mick hat sich ja noch oft und jahrelang über Ian ausgelassen),
weil er seine eigenen musikalischen Ideen kaum einbringen durfte.

Leider war die schöne Zeit nach diesen beiden Einspielungen bereits vorbei.

es gibt schon noch mehr, wohlgemerkt von der Originaltruppe: 'Pigtology' mit einigen total unveröffentlichten Stücken, Live At The BBC, Live at The Lafayette, Radio Sessions (halb Pig, halb Mick Abrahms Band), Fillmore West 1970 und dann noch weitere, über die ich aber nichts weiter weiß...