[PORTRAIT] Ultimate Spinach - Ikonen des Bosstown-Sound

Antworten
Benutzeravatar

Topic author
badger
Beiträge: 197
Registriert: Di 12. Sep 2023, 12:26
Has thanked: 154 times
Been thanked: 335 times

[PORTRAIT] Ultimate Spinach - Ikonen des Bosstown-Sound

Beitrag von badger »

Die vormalige Garagencombo 'Underground Cinema' wurde 1967 von Eric Lorber, dem recht umstrittenen Manipulator des 'Bosstown Sound' neu entdeckt
und als Gallionsfigur für das MGM-label aufgebaut (damals das Heimatlabel fast aller wichtigen Bands der Bosstown-Szene).

Lorbeers Geschäftsidee war es, in Boston und Umgebung ein Gegenstück zum San Francisco Sound aufzubauen um mit entsprechendem Hype
reich zu werden. Die als Filmfirma sehr erfolgreiche MGM war bereit, ins Musikgeschäft zu investieren, obwohl man keine Ahnung davon hatte.
Eric würde es schon machen...
Und so sammelten sich Bands unter dem erfundenen Begriff: Beacon St. Union, Eden's Children, Ill Wind, Earth Opera, Fort Mudge Memorial Dump,
Ultimate Spinach und noch viele Andere....
Die Manipulationen lokaler Bands, die eine eigene 'Szene' überhaupt nicht kannten, riefen laute und böse Kritiken hervor.
Berechtigt, aber unstrittig ist, daß Eric ein Händchen für das Auffinden hervorragender Bands hatte und auch die von ihm initiierte Umbenennung
in Ultimate Spinach war schlau, weil man daraus auf ein rauchbares Kraut und einen irgendwie verschrobenen musikalischen Inhalt schließen durfte.

Die Besetzung entstand um Sänger, Organist und Songschreiber Ian Bruce-Douglas; unterstützt von Barbara Hudson (Gesang; Gitarre); Keith Latheinen (Gesang; Drums, Percussion); Richard Nese (Bass) und Geoffrey Winthrop (Gesang; Lead Gitarre; elektr. Sitar).

Bild

Obwohl sie zunächst noch Stücke wie das damals unvermeidliche Hey Joe oder Get Together spielten, wurde aus den West Coast Klonen bald etwas sehr Eigenständiges: immer wieder von Ian's gespenstischer Orgel vorangetrieben, legten sie eine Mischung hin, die von den Stilelementen der studentischen Kaffeehäuser Boston's geprägt war; also viel Folk und Beatnick-Jazz; jedoch stark verfremdet durch verhaltene Spielweise; verträumt, manchmal heimlich, manchmal gar un-heimlich; immer auch wieder mit starker Fuzz-gitarre; aber genauso gibt es hier Glöckchen und im Wind klingelnde Metallplättchen als
'psychedelische' Untermalung.
Barbara's Stimme sollte wohl das Gegenstück zu Grace Slick darstellen, tatsächlich ist ein sehr eigener Gesang; verträumt und beschwörend; feenhaft und auch wieder verhext; immer wieder unterstützt durch den Harmoniegesang anderer Bandmitglieder.

Bild

Auf dem Debut von SAME (1968) tropft es nur so vor dem, was die Bedeutung des Begriffs 'Psychedelia' ausmacht, nämlich Verfremdungen;
schon die Titel lassen ahnen, was sich die Band beim Aufnehmen so nebenbei reingepfiffen haben muß;
Your Head Is Reeling; Hung Up Minds; Funny Freak Parade.

Das Lieblingsstück der Fans aber ist das 8-minütige (Ballad Of) The Hip Death Goddess; eine anderweltliche Hymne auf die glasigen Augen, tote Haut und kalte Lippen der angesagten göttin des Todes; natürlich paßt dazu die von Minor Chords überfließende Orgel.

Diese nach innen blickende Abgehobensein war völlig anders als das, was man von der Westküste kannte; es kam sehr gut ohne das
locker-schnoddrige der Elevators oder der Dead aus; besaß andererseits aber eine gewisse Seelenverwandtschaft mit den dämonischen Doors.

Ebenfalls 1968 erschien das Zweitwerk Behold & See;
es war stilistisch eine Weiterführung des Debuts; Mind Flowers nahm hier den Platz von Hip Death Goddess ein (ist ähnlich gestrickt) und in Stücken wie Fragmentary March Of Green oder Fifth Horseman Of The Apocalypse war man noch kryptischer und mystischer geworden.
Wenn sie die Gilded Lamp Of The Cosmos besangen, konnte der Zuhörer nurmehr seine eigene 'Lampe' anzünden...
und dabei tüchtig einatmen.

Bild

Den großen Hitparadenerfolg brachte das natürlich nicht; zwar konnte man damals durchaus intellektuelle Klänge in den Charts unterbringen, aber U.S. veröffentlichten keine Anwärter auf Single-Hits; viele ihrer Stücke waren zu lang fürs Radio.
Außerdem war Bruce-Douglas ein bißchen zu sehr introvertiert; nach ein paar Acid-Tabs zuviel verlies er die Band und ohne den
Songschreiber blieb eigentlich nur die Auflösung.

Ein Jahr später kehrte Barbara Hudson mit neuer Besetzung zurück; kein einziges Originalmitglied war darunter, dafür aber der später noch sehr bekannt gewordene Bassist Skunk Baxter (Doobies, Steely Dan).

Trotz des sehr schönen Covers bieten die enthaltenen Sounds hier nur noch durchschnittlichen Rock; es läßt sich kein Stück hervorheben; die Kritiker
verwiesen darauf, daß Bruce-Douglas nicht adequat ersetzbar war.

Dann war endgültig Schluß; Eine Reunion gab es nie, da Bruce-Douglas unauffindbar war und blieb.

Wie die Band 'live' klang, kann man auf dem einzigen mir bekannten Boot nachhören:
'Mind Flowers'; 1967 Live At Unicorn Coffee House, Boston, hat natürlich nicht den Klang, den digitale Sound-Fetischisten erwarten;
aber für mich klingt es gut genug, um zu hören, was U.S. damals direkt linear ins Mikro spielten.

Bild

Hier kommt zunächst nochmal die frühe Power von Hey Joe oder Get Together; aber auch Hip Death Goddess und Mind Flowers sind schon vertreten;
ein paar unveröffentlichte Stücke gibts auch.
Es existieren kaum Live-Dokumente der Psych-Gruppen jener Tage, deshalb ist dieser hier ist für mich unverzichtbar um Zeit und Stimmung am Leben.

Trotz nur 2 LPs der Originalbesetzung gehören Ultimate Spinach zu den großen Psychedelikern der 60s und damit in die Sammlung einschlägig interessierter Hörer.
Benutzeravatar

Louder Than Hell
Beiträge: 13312
Registriert: So 16. Apr 2023, 18:01
Wohnort: Norddeutschland
Has thanked: 16082 times
Been thanked: 15138 times

Re: Ultimate Spinach - Ikonen des Bosstown-Sound

Beitrag von Louder Than Hell »

Ein schöner Trip in die Vergangenheit des Bosstown Sounds ist dir mit dem Portrait dieser Band gelungen, die nach meinem Geschmack nicht nur am Rande, sondern an vorderster Front agierte. Wegen dem weiblichen Gesang hatte ich sie früher in Richtung der Westcoast Musik verortet, dieses war aber bekanntlich eine Fehleinschätzung gewesen.

Das besondere an ihrer Musik sind und bleiben ihre komplexen Klanglandschaften, teils experimetell, umwoben mit Orgel, Fuzzgitarre und Gesang. Selbst das Vibraphon fand in ihrer Musik Verwendung.

Auf jeden Fall sind ihre ersten beiden Alben sicherlich wertvolle Zeitdokumente damaliger Psychmusik und Musikstücke wie "Mind Flowers" und "Jazz Thing" untermauern diesen Status. Ich besitze allerdings auch das dritte Album, das den Geist seiner beiden Vorhänger in keiner Weise einfängt. Der Vollständigkeitshalber werde ich es aber weiterhin behalten ......

Musik kann so schön sein ..... :yes:
Benutzeravatar

BRAIN
Beiträge: 4075
Registriert: Mo 3. Apr 2023, 00:53
Has thanked: 4666 times
Been thanked: 4442 times

Re: Ultimate Spinach - Ikonen des Bosstown-Sound

Beitrag von BRAIN »

Da kommt beim Lesen gleich die Lust mal wieder Behold and See aufzulegen. :yes:
Die ersten 2 Ultimate Spinach gehören zum Tafelsilber jeder Psychedelic Sammlung.
MAKE PROG NOT WAR ! ---> ---> My 2025 Album Faves
Antworten

Zurück zu „Bands/Musiker Portrait“