Stiff Little Fingers - Inflammable Material (R.T. 1979)

ganz-und-gar nicht AOR

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badger
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Stiff Little Fingers - Inflammable Material (R.T. 1979)

Beitrag von badger »

Inspiriert von den Clash benannte Jake Burns 1977 in Belfast seine Rockband 'Highway Star' um in Stiff Little Fingers (nach einem Vibrators-Stück);
also weg vom Kopieren und Nachspielen, hin zu relevanten Themen und selbsterstellten Klängen.

Burns ist ein typischer Name aus den schottischen Lowlands; d.h. das er und seine Band zur loyalistischen Seite gehörten;
Imigranten und somit Unterdrücker der Einheimischen, von denen man nichts Gutes erwartet hätte und schon gar nicht die textliche Qualität
des schottischen Nationalbarden Robert Burns.

Aber gemach; Burns, Jake, überraschte durch höchst kritische Anklagen an beide Bürgerkriegsseiten und mit äußerst ärgerlichen und aufgebrachten
Aufrufen, dem Wahn nicht zu folgen:

Don't Believe Them; Question Everything You're Told;
Just Take A Look Around You;
At The Bitterness & Spite;
Why Can't WE TAKE OVER And
Try To Put It Right.
(Suspect Device).



Damals völlig ungewohnte Töne; kein Loyalist hatte je so geredet und sich so neutral auch gegenüber 'seinen Leuten' geäußert oder gar seine Botschaft so vorgetragen: in Punk-typisch schnellen Einheiten, ohne große Intros, Outros und Soli; sondern in harten Akkorden; raus mit der von einer Reibeisenstimme gesungenen Aussage; Haken dran und weiter. Aber sie experimentierten auch bereits mit harten Dubs oder Roots Reggae (Johnny Was); hierin inspiriert von
den Clash. Also ein ganzes Stück entfernt von den Melodien und Teenager-Themen der Undertones und übrigens auch der meisten anderen Nordirland-Combos jener Tage.

Ihre erste Single hieß 'Alternative Ulster', obwohl sie damit nur die sechs zu Nordirland gehörenden Counties meinen konnten. Denn die anderen drei Ulster-Counties gehörten immer schon zur Republik und hatten keine Alternative nötig.
Trotzdem kam das Stück so eindringlich gut, daß wieder einmal John Peel so begeisterte war, daß er es oft in seiner Show laufen ließ.
Ein Ohrwurm, mit einer gewaltigen politischen Aussage:

They Say They've Got Control Of You
But That's Not True, You Know
They Say They're A Part Of You
But That's A Lie, You Know
....
Ignore The Bores And Their Laws;
Get An Alternative Ulster.



Bild

Ihre Debut-LP war voller messerscharfer Attacken auf beide Konfliktseiten und überraschenderweise kamen sie damit durch ohne je selbst angegriffen
zu werden; stattdessen wurden sie im Norden, Süden, ja selbst in Großbritannien gefeiert; im Rockpalast waren sie irgendwann auch.

Aber vorher wurde 'Inflammable Material' ausgiebig getourt, was uns Gelegenheit gab, die Band menschlich von ihrer besten Seite kennenzulernen;
als komplexe, aber hochinteressante und intelligente Interviewpartner, ohne Flausen im Kopf, dafür mit viel Herz und schließlich als vor Spielfreude
brennende Liveattraktion.

Als John Peel sich enttäuscht von den späteren Clash abwandte, nannte er SLF als ihre legitimen Nachfolger.

Inflammable Material (Rough Trade 1979)
1. Suspect Device
2. State Of Emergency
3. Here We Are Nowhere
4. Wasted Life
5. No More Of That
6. Barbed Wire Love
7. White Noise
8. Breakout
9. Law And Order
10. Rough Trade
11. Johnny Was
12. Alternative Ulster
13. Closed Groove

Bass – Ali McMordie
Drums – Brian Faloon
Lead Guitar, Vocals – Jake Burns
Rhythm Guitar – Henry Cluney

Das Album wurde diverse Male aufgelegt; immer mit vielen Zusatzstücken.
Seither kamen noch eine Menge an meist sehr guten weiteren CDs hinzu, denn die Fingers gibt es immer noch
(übrigens die Undertones auch) und sie touren auch im Jahr 2026 wieder.
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Louder Than Hell
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Re: Stiff Little Fingers - Inflammable Material (R.T. 1979)

Beitrag von Louder Than Hell »

Hier kam alles zusammen, was zusammen passte und somit eine perfekte Einheit bildete. Der rohe, wütende und ungeschliffene Stil bildete das Mark der Band, ebenso ihr unglaublich präzises Spiel. Weitere Ausrufezeichen setzten der Schlagzeuger mit seiner Wucht, zudem wird die rhythmische Gitarre meisterhaft komplex und balanciert gespielt. Trotz der aggressiven Geschwindigkeit mit eingängigen Melodien ist das Gitarrenspiel neben dem Gesang das Gesicht von Stiff Little Fingers und der Türöffner für wahre Höchstleistungen.

Und dieses Debüt der Nordiren strotzt nur so von Highlights. Beginnend mit dem temporeichen „Suspect Device“, dem mitreißenden Reggae-beeinflussten „Johnny Was“ oder dem groovigen „Alternative Ulster“, um aus dem Fundus mal drei Stücke hervorzuheben.

Letztlich ist dieses Album ein großer Spaßfaktor für mich und es mehr als wert gewesen, einmal als Rezi wieder ans Tageslicht zu bringen.
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BRAIN
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Re: Stiff Little Fingers - Inflammable Material (R.T. 1979)

Beitrag von BRAIN »

Der historische Kontext, in dem Jake Burns & Co. agierten, war hart und spaltend – aber genau daraus schöpft dieses Album seine Authentizität.
Dass du die politischen Aussagen der Songs und die rohe, direkte Spielweise hervorhebst, ist wichtig – denn gerade das ist es, was dieses Album von vielen anderen Punk-Platten der Zeit unterscheidet.
Der Mix aus schnellen, aggressiven Nummern und Roots-Reggae-Einflüssen (z.B. Johnny Was) macht es aus meiner Sicht besonders.
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badger
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Re: Stiff Little Fingers - Inflammable Material (R.T. 1979)

Beitrag von badger »

Louder Than Hell hat geschrieben: So 15. Feb 2026, 17:15 Hier kam alles zusammen, was zusammen passte und somit eine perfekte Einheit bildete. Der rohe, wütende und ungeschliffene Stil bildete das Mark der Band, ebenso ihr unglaublich präzises Spiel. Weitere Ausrufezeichen setzten der Schlagzeuger mit seiner Wucht, zudem wird die rhythmische Gitarre meisterhaft komplex und balanciert gespielt. Trotz der aggressiven Geschwindigkeit mit eingängigen Melodien ist das Gitarrenspiel neben dem Gesang das Gesicht von Stiff Little Fingers und der Türöffner für wahre Höchstleistungen.

Und dieses Debüt der Nordiren strotzt nur so von Highlights. Beginnend mit dem temporeichen „Suspect Device“, dem mitreißenden Reggae-beeinflussten „Johnny Was“ oder dem groovigen „Alternative Ulster“, um aus dem Fundus mal drei Stücke hervorzuheben.

Letztlich ist dieses Album ein großer Spaßfaktor für mich und es mehr als wert gewesen, einmal als Rezi wieder ans Tageslicht zu bringen.
wie könnte es anders sein; du hebst instinktsicher die Highlights (zumindestens der ersten LP) hervor. Und dabei auch wieder mal ein Beispiel, wie man
sich mit Reggae und Dub befaßt, ohne daß es zu Disco-Gematsche wird (wie bei so vielen weißen Versuchen, diese ihnen fremde Musik doch noch
Hitparadenmäßig auszuschlachten. Die Clash hatten es schon vorgemacht und die Ruts machten es bald nach....
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badger
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Re: Stiff Little Fingers - Inflammable Material (R.T. 1979)

Beitrag von badger »

BRAIN hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 00:22 Der historische Kontext, in dem Jake Burns & Co. agierten, war hart und spaltend – aber genau daraus schöpft dieses Album seine Authentizität.
Dass du die politischen Aussagen der Songs und die rohe, direkte Spielweise hervorhebst, ist wichtig – denn gerade das ist es, was dieses Album von vielen anderen Punk-Platten der Zeit unterscheidet.
Der Mix aus schnellen, aggressiven Nummern und Roots-Reggae-Einflüssen (z.B. Johnny Was) macht es aus meiner Sicht besonders.
Die politischen Aussagen waren damals schon sehr entscheidend, weil wir ja nicht allzuweit vom Geschehen entfernt waren. In der Republik passierte
zwar praktisch nie ein Terroranschlag, ich kann mich nur an ein oder zwei erinnern; hätte ja auch keinen logischen Sinn gemacht, aber die Nachrichten
brachten es jeden Abend. Nur das sie es nicht so brachten, wie man es in den durch UK-gefilterte deutsche Nachrichten zu verstehen glaubte.
Es war z.B. nie ein Religionskrieg, lediglich waren die Eindringlinge (zumeist schottischen Presbiter) bereits reformiert, die Ureinwohner dagegen nicht.
Aber die Priester verstanden, daraus ein ihnen genehmes Feuer zu entfachen.
Deswegen wars halt so wichtig, daß die Fingers sich gegen ein System wandten, daß ihnen ja eigentlich Vorteile (auf Kosten der Indigenen) lieferte.
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