[GENRE]San-Francisco-Sound

....und die Geburt einer Gegenkultur

San Francisco Sound; Space Rock; Bosttown Sound; Raga Rock; Westcoast Scene
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Louder Than Hell
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von Louder Than Hell »

Various Artists "Los Angeles Nuggets" -1965-1968-

Dann passt ja auch die 4er Box aus der Nachbarstadt gut dazu .....

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BRAIN
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

Die Haight-Ashbury Free Clinic – Herz und Helfer der Hippies

Im Sommer 1967, mitten im pulsierenden Herzen von Haight-Ashbury, öffnete eine kleine unscheinbare Tür den Weg zu etwas Neuem – der Haight-Ashbury Free Clinic.
Kein Schild, kein Prunk, nur ein handgeschriebenes Poster: “Health care is a right, not a privilege.”
Die Free Clinic hieß vor allem deshalb so, weil die Behandlung dort nichts kostete.
Sie war immer besetzt und nie wurde jemand, der Hilfe brauchte, abgewiesen.

Dr. David Smith, ein junger Arzt mit Bart und Sandalen statt Krawatte, hatte genug davon, zuzusehen, wie Jugendliche, Musiker und Aussteiger an den Folgen von Überdosen, Geschlechtskrankheiten oder bloßem Hunger litten.
San Francisco war damals ein Magnet.
Tausende kamen aus allen Richtungen, angelockt vom Ruf der Freiheit, Musik und Liebe.
Doch kaum jemand dachte an das, was passierte, wenn die Ideale mit der Realität zusammenstießen.

Die Klinik wurde in einem alten Gebäude auf der Haight Street eröffnet, mit improvisierten Möbeln, gebrauchten Instrumenten und Freiwilligen, die mehr Überzeugung als Ausbildung hatten.
Krankenschwestern, Medizinstudenten, Sozialarbeiter – viele selbst Teil der Gegenkultur.
Zwischen Patientenakten und Plakaten von Jefferson Airplane liefen ständig Gitarrenriffs aus einem Transistorradio.

Die Free Clinic wurde schnell zum Zufluchtsort.
Man kam mit Wunden von Demonstrationen, mit Hepatitis von gemeinsam genutzten Spritzen, mit Fragen über LSD und Schwangerschaft.
Behandlungen waren kostenlos, Gespräche ehrlich, und die Atmosphäre erinnerte mehr an eine Kommune als an ein Krankenhaus.

Abends, wenn die Hippies draußen auf den Bürgersteigen saßen, mischten sich Musik und Stimmen mit dem Lärm der Stadt.
Man hörte den Klang von Veränderung – nicht nur auf den Bühnen des Fillmore oder Avalon Ballroom, sondern auch in dieser kleinen Praxis, die Menschlichkeit über Bürokratie stellte.

Bis 1970 war die Haight-Ashbury Free Clinic zu einem Symbol geworden: für Mitgefühl, Selbsthilfe und die Idee, dass Gemeinschaft auch heilen kann.
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

Human Be‑In — 14. Januar 1967, Golden Gate Park, San Francisco

Am Samstag, dem 14. Januar 1967, versammelten sich rund 30000 Menschen auf den Polo Fields im Golden Gate Park in San Francisco.
Es war mehr als ein Fest – es war eine Manifestation der neuen Gegenkultur.
Das Human Be-In wurde von Michael Bowen und Allen Cohen initiiert, den Machern der Zeitschrift San Francisco Oracle.
Unter dem Motto „A Gathering of the Tribes for a Human Be-In“ wollten sie all jene Strömungen vereinen, die in Kalifornien und darüber hinaus nach einem neuen Bewusstsein suchten.

Der Anlass war politisch und spirituell zugleich.
Nur wenige Monate zuvor hatte der Staat Kalifornien LSD verboten – für viele Symbol einer repressiven Gesellschaft, die den freien Geist bedrohte.
Das Be-In wurde zur Antwort darauf: eine Einladung, das Bewusstsein nicht zu unterdrücken, sondern zu feiern.

Der Tag begann klar und kühl.
Menschen zogen in langen, bunten Reihen durch den Park, vorbei an Wiesen und Seen, geschmückt mit Blumen, Glöckchen und Fahnen.
Kinder lachten, Musik klang aus allen Richtungen, der Geruch von Räucherwerk und Gras lag in der Luft.
Auf den Polo Fields, einer weiten, offenen Fläche, sammelte sich die Menge.

Gary Snyder eröffnete die Veranstaltung mit dem Klang einer Muschelhornpfeife, deren tiefer Ton über das Feld hallte.
Trommeln, Schellen und Glocken antworteten, und bald stimmten 1000 in das Chanten ein: „Hare Krishna, Hare Rama…“.
Es wurde getanzt, gelacht und improvisiert.
Auf einer improvisierten Bühne traten Dichter, Aktivisten und Musiker auf: Allen Ginsberg, Timothy Leary, Michael McClure, Lenore Kandel, Lawrence Ferlinghetti und viele andere.

Timothy Leary sprach seine später legendären Worte: „Turn on, tune in, drop out.“ Die Bands – Jefferson Airplane, Grateful Dead, Quicksilver Messenger Service – spielten stundenlang, während sich die Sonne langsam über dem Park neigte.
Der Fotograf Dennis Hopper filmte die Szene, Kinder liefen zwischen den Gruppen, Brot und Kekse gingen von Hand zu Hand.
Die Sonne schien golden, und als ein Fallschirmspringer in buntem Tuch zur Erde schwebte, brach Gelächter und Jubel aus.
„Friede im Herzen, Friede im Park“, sagten viele.

Am späten Nachmittag war aus der Schar der Besucher eine riesige Menschenmenge geworden. Dichter lasen aus ihren Werken, priesen das neue Bewusstsein, das sich in dieser Stunde formte.
Allen Ginsberg beendete den Tag mit einer Mantra, „Sri Maitreya“, und langsam löste sich die Versammlung auf.

Das Human Be-In wurde zum Wendepunkt.
Es war der Beginn des „Summer of Love“, jener Zeit, in der San Francisco zur Hauptstadt der Hippie-Kultur wurde.
Was an diesem Wintertag geschah, war eine Verbindung von Musik, Mystik, Politik und Liebe – ein Symbol für eine Generation, die nach Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung suchte.

Es war kein Konzert, keine Demonstration und keine Predigt.
Es war ein gemeinsames Atmen, ein kollektives „Sein“. Ein Moment, in dem viele glaubten, eine neue Welt beginne genau dort, im Herzen des Golden Gate Parks.
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »





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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

Spiritualität und Ost-Einflüsse

In San Francisco war Spiritualität kein Rückzug nach innen, sondern Teil des öffentlichen Lebens.
Sie floss direkt in die Rockmusik ein.
Musik wurde Medium für Bewusstsein, nicht Unterhaltung.
Die Bands der Stadt verstanden sich weniger als Performer, mehr als Vermittler von Erfahrung. Konzerte waren Rituale.

Besonders deutlich wurde das bei Grateful Dead. Ihre Musik folgte keiner klassischen Struktur.
Lange Improvisationen, offene Formen, kein klarer Anfang, kein sauberes Ende.
Das entsprach buddhistischem Denken. Der Moment zählte. Jerry Garcia sprach offen über Zen, über das Loslassen von Kontrolle.
Das Publikum war Teil dieses Prozesses. Tanzen wurde Meditation in Bewegung.

Auch Jefferson Airplane verbanden Musik mit spiritueller Suche.
Texte handelten von Bewusstsein, Wahrnehmung und innerem Erwachen.
Grace Slick nutzte Bilder aus Traum, Mythos und psychedelischer Erfahrung.
Die Musik war direkter, politischer, aber immer durchzogen von der Frage: Was ist real? Was ist konditioniert?

Spirituelle Einflüsse kamen nicht nur aus Asien, sondern auch aus der Beat-Tradition.
Allen Ginsberg, tief geprägt vom Buddhismus, bewegte sich selbstverständlich zwischen Lesung und Rockkonzert.
Mantras tauchten auf Bühnen auf. Das gemeinsame Chanten von „Hare Krishna“ war kein Fremdkörper, sondern Teil der Szene.
Musik und Meditation verschmolzen.
Der Fillmore West und der Avalon Ballroom waren dafür ideale Räume. Lichtshows erzeugten visuelle Transzendenz.
Farben lösten Formen auf. Der Körper verlor Orientierung. Genau das suchten viele.
Das, was Zen lehrte, wurde hier hörbar und sichtbar.

LSD verstärkte diese Verbindung. Für viele Musiker war es kein Rauschmittel, sondern ein spiritueller Verstärker.
Songs wurden länger, offener, weniger kontrolliert. Fehler waren erlaubt. Diese Haltung widersprach dem kommerziellen Musikbetrieb fundamental.
Erfolg war zweitrangig. Erfahrung war alles.
Diese Verbindung aus Spiritualität und Rockmusik war einzigartig für San Francisco.
In Los Angeles dominierte Kalkül. In New York Konzept. In San Francisco herrschte Suche, Offenheit und Radikalität.
Mit dem Ende der 60er zerfiel diese Einheit. Kommerz, harte Drogen und Professionalisierung verdrängten die spirituelle Tiefe.
Doch der Abdruck blieb. Jam-Bands, Ambient, Trance, Festival-Kultur. All das trägt Spuren dieser Zeit.
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

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Emma Peel
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von Emma Peel »

BRAIN hat geschrieben: Sa 10. Jan 2026, 01:27




Das sind Filetstücke pur des Westcoast Sounds und man könnte es locker endlos fortsetzen. :wave:
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

Emma Peel hat geschrieben: Sa 10. Jan 2026, 10:55
BRAIN hat geschrieben: Sa 10. Jan 2026, 01:27




Das sind Filetstücke pur des Westcoast Sounds und man könnte es locker endlos fortsetzen. :wave:
Für mich ist Westcoast und San-Francisco Sound nicht dasselbe.
Westcoast meint den stark songorientierten, sauber produzierten Sound der Mitte der 70er – Eagles, Fleetwood Mac, Doobie Brothers. Erfolgreich, professionell, aber klar auf Radio und Charts ausgerichtet.
Der San-Francisco Sound dagegen war rauer, offener und experimenteller, irgendwie bluesiger.
Es ging um Improvisation, Kollektivgeist und Risiko.
Grateful Dead, Jefferson Airplane oder Quicksilver standen für eine Haltung, nicht für ein Format.
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Re: [GENRE]San-Francisco-Sound

Beitrag von BRAIN »

Das Grateful Dead House - 710 Ashbury Street

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Ende 1966 kamen die Mitglieder der Grateful Dead hier an, mitten in Haight-Ashbury.
Das Viertel kochte bereits. Hippies, Musiker, Aussteiger. Das Haus wurde sofort Teil der Szene.
Die Tür stand oft offen. Wer hereinkam, blieb. Wer blieb, brachte etwas mit. Musik, Ideen, Chaos.

Als die Dead hier einzogen, brachten sie keine Ordnung mit, sondern Offenheit.
Im Inneren herrschte Dauerbetrieb. Proben, Jams, endlose Nächte, Stromkabel, Verstärker, Instrumente überall.
Nachbarn beschwerten sich aber die Band spielte trotzdem weiter. Für die Dead war Musik kein Zeitfenster, sondern ein Zustand.
Das Haus wurde zum Resonanzraum des San-Francisco-Sounds. Improvisation statt Ordnung. Gemeinschaft statt Privatsphäre.
Hier formte sich der typische Dead-Ansatz. Keine festen Setlists. Keine Kontrolle. Songs dehnten sich aus, zerfielen, fanden neu zusammen.
Die Band spielte, um sich selbst zu verlieren. Wer zuhörte, wurde Teil davon.
Konzerte außerhalb des Hauses speisten sich aus diesen Nächten. Die langen Improvisationen im Fillmore West und im Avalon Ballroom hatten hier ihren Ursprung. Themen wurden im Haus angerissen, live ausgeweitet, wieder aufgelöst. Jeder Abend anders. Das war keine Strategie, das war Haltung.

Eine oft erzählte Anekdote: Eines Morgens standen plötzlich Polizisten vor dem Haus. Lärmbeschwerden.
Die Band öffnete, freundlich, ruhig. Jerry Garcia bot Kaffee an. Bob Weir begann, leise Gitarre zu spielen.
Die Situation entspannte sich. Keine Eskalation. Die Polizisten gingen wieder. Typisch San Francisco. Typisch Dead. Konflikt wurde aufgelöst, nicht bekämpft.

Der Andrang wuchs und viele Fans standen vor dem Haus, um Nähe zu spüren. Irgendwann wurde es zu viel und die Band zog weiter.
Doch die Prägung blieb. Die 710 Ashbury Street wurde zum stillen Ursprung des San-Francisco-Sounds.
Wer den San-Francisco-Sound verstehen will, muss dieses Haus als geistigen Resonanzraum begreifen. Alles andere kam später.

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